Wir – oder besser Du und Ich?

Wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, unser Leben mit einem Menschen zu teilen, dann geschieht dies aus Liebe, weil sich ein Kind ankündigt oder – und idealerweise auch, weil wir eine tiefe Freundschaft füreinander empfinden.

Schnell entsteht dann dieses Wir-Gefühl. WIR gehen zusammen diesen Weg, WIR bauen ein Haus,  WIR entscheiden uns für dies oder jenes.

Dieses Wir-Gefühl hat mir lange Zeit Angst gemacht. Das war noch bevor die Kinder kamen. Ich hatte Angst, mich zu verlieren, in diesem WIR. Wo bleib ich denn da? Ich hatte doch gerade erst damit begonnen mich selbst zu finden und nun sollte es schon ein Wir geben?

Durch viele Gespräche haben mein Mann und ich für uns geklärt, wie wir uns dieses Wir vorstellen. Wie das funktionieren kann – ohne dass dabei das ICH oder DU auf der Strecke bleibt.

Dabei hat mir das Bild zweier Kreise geholfen, die eine Schnittmenge bilden.

Ein Kreis für das Ich. Ein Kreis für das Du. Die Schnittmenge bildet das Wir. So ist genug Platz für das Ich. Für meine Bedürfnisse, für meine Werte. Platz, um mich verwirklichen zu können und meinen Weg zu gehen. Ich bin für mich und mein Lebensglück verantwortlich und nicht das Wir oder das dahinter liegende Du. Wenn das Du sich zu sehr über mein Ich schiebt, weil es unbedingt ein Wir möchte – dann ist es meine Verantwortung, mir Platz zu verschaffen, die Grenzen zu setzen.
Und natürlich möchte das Ich auch dem Du die Freiheiten ermöglichen,  sich zu entfalten und gegebenenfalls Grenzen zu setzen.

Das Wir ist in der Mitte – es verbindet uns. Dieses Miteinander in der Schnittmenge beeinflusst das Ich und das Du und umgekehrt beeinflusst das Ich und das Du das Wir. Dieses Gemeinsame zu gestalten, durch das Ich und Du lebendig zu halten ist wesentlich -sonst gibt es auf Dauer kein Wir mehr. Klingt total logisch, oder?

Da wir aber ständig in einem Prozess der Veränderung sind, gibt es auch bei diesen Kreisen und deren Schnittmenge immer wieder Veränderungen. Was für uns vor einem Jahr gepasst hat, kann morgen total einschränkend sein.

Besonders wenn Kinder in unser Leben als Paar kommen.
Das Wir dominiert uns sehr wenn wir (kleine) Kinder haben. Da müssen WIR durch, das schaffen WIR gemeinsam…
Ja, das ist auch gut so! Aber irgendwann spürt das Ich, dass da etwas zu kurz kommt. Oft trifft diese Situation auf uns Mütter zu: Wir machen das (meistens) gerne, für die Kinder da zu sein. Im Idealfall werden wir von den Vätern unterstützt.
Weil wir (gerade zu Beginn) ja so eng miteinander verbunden sind, packen wir Mamas unser Kind oder unsere Kinder gleich in den Kreis vom ICH mit rein. Und dann gibt es statt ich nur noch Wir!
Aber halt – das Kind ist ja auch ein Ich! Es kommt also noch ein Kreis dazu. Auch der darf sich nicht komplett mit unserem überschneiden. Sonst kann da ja kein Ich entstehen. Also – Loslassen. Schritt für Schritt.

So stelle ich mir immer wieder mal dieses Bild der Kreise vor: Wo überschneiden sich unsere Kreise. Hat sich ein Kreis zurückgezogen? Sehe ich noch das Du oder sind wir viel zu nahe?
Die Positionen sind nicht statisch, das Leben ist Veränderung.
Mir tut es gut, bewusst jeden in unserer Familie aus einer Art Distanz wahrzunehmen und mich zu fragen:

„Wer bist du? Was brauchst du, um Du zu sein?“

Und auch mich zu fragen: „Wer bin ich? Was brauche ich, um ganz Ich zu sein?“

Und das Wir zu fragen: „Was brauchen Wir um dieses Wir leben zu können?“

Die eigenen Erwartungen auszusprechen und damit umgehen zu können, wenn das Du oder das Wir diese Erwartungen nicht erfüllen kann oder will. Oder auch Erwartungen vom Du an das Ich gerichtet zu hören und bei sich selbst nach zu spüren: kann ich diese Erwartungen erfüllen, will ich sie erfüllen? Oder gibt es andere Möglichkeiten, Lösungen, Kompromisse?

Dieses Thema ist bei mir im Moment aktuell. Hervorgerufen wurde es auch durch das Lesen des neuen Buchs von Jesper Juul „Liebende bleiben“. In mir tauchten einige Fragen auf, über die ich mir Gedanken machen möchte bzw. mich mit meinem Mann austauschen möchte.

Und was hilft euch, eurem Ich, Du, Wir Platz zu geben, um lebendig zu bleiben?

 

 

 

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